Dienstag, 1. Januar 2013

Dienstagsfrage 1/2013

Kaum hat das Jahr begonne, da kommt auch schon das Wollschaf. Diese Woche fragt es:
Einige (viele) von euch scheinen ja sehr fleissige Strickerinnen zu sein – fast jede Woche ist ein fertig gestelltes Teil (und kein Kleines) zu bewundern. Und die laufenden “knitmeter” fuehren bald um den Erdball.
Wieviel Zeit verbringt ihr eigentlich taeglich / woechentlich mit Stricken? Haettet ihr gerne (noch) mehr Strickzeit. oder ist eure Strickzeit ausreichend?
Vielen Dank an Connie für die heutige Frage!
Das Wollschaf wünscht allen ein gutes Neues Jahr!


Ach wie schön, eine inspirierende Frage direkt an Neujahr!

Grade habe ich bei Ravelry von einer Frau gelesen, dass sie gerne dieses Jahr ein Oberteil für sich selbst stricken möchte, aber fast keine Zeit hat. Diesen Bezug finde ich sehr merkwürdig.

Stricken - das liebe ich am meisten an diesem Sport - ist nichts, was sich beschleunigen lässt, nichts, was Abkürzungen, husch-husch oder Fließbandmäßiges verzeiht. Das ist ein Prozess, der es erlaubt, bei der Entstehung von Dingen zuzuschauen, die kleinen Erfolge zu feiern und aus Misserfolgen wenigstens eine möglichst gute Geschichte zu machen. Das ist eine Lebensform, der die Langsamkeit fast zwangsläufig inhärent ist. Und gleichzeitig braucht sie nicht wirklich Zeit, weil solche Zeit nie allein für Stricken draufgeht. Damit verliert sich der Bezug zwischen "ich hätte gerne ein Oberteil für mich" und "ich habe fast keine Zeit".

Ich habe vor Weihnachten für eine Aktion in der Firma 80 kleine Säckchen genäht. Fließbandarbeit, 50 an einem Sonntag rausgehauen, immer dieselben Bewegungen, das Ganze in Abfolgen segmentiert und gerödelt. Das hat nichts Magisches, da gibt es keine Stadien des Wachsens, ein Ding braucht sieben Minuten und gut. Stricken ist anders. Selbst ein Cowl aus Baumstammgarn, gestrickt in einer Stunde, muss wachsen, funktioniert, scheitert, geht weiter, bleibt stehen, muss geprüft werden, ob das Garn und das Muster zusammenpassen.

Was ich sagen möchte: Stricken wird für mich mehr und mehr ein Symbol für einen Lebensstil. Unsere Welt beschleunigt sich zunehmend. Ich kann mich in Echtzeit mit jemand auf der anderen Seite des Erdballs unterhalten, ich kann geschäftliche Verabredungen innerhalb einer Stunde treffen und in der nächsten Stunde umsetzen, die sieben Länder in vier Kontinenten betreffen. Ich kann ein Buch aus Flensburg um drei Uhr nachmittags bestellen und am nächsten Tag abholen - oder es direkt in einen Bookreader packen und anfangen zu lesen. Aber ich kann nicht etwas schneller fertigen, als meine Handwerkskunst das erlaubt. Die Dinge brauchen Zeit zu werden und ich gebe ihnen die Zeit, indem ich mich hinsetze und meine Finger zum Werkzeug dieser Entstehung mache, indem ich immer dann stricke, wenn meine Hände nicht für etwas anderes gebraucht werden.

Okay, das ist jetzt etwas sehr philosophisch in Bezug auf die Originalfrage, aber genau das passt. Es geht nicht darum, wie viele Stunden ich stricke, und es geht noch viel weniger drum, ob ich gerne mehr oder weniger Zeit hätte. Es geht darum, dass Stricken sich in ein ganz normales Leben einfügt und darauf erheblichen Einfluss nimmt. Ich hab das letzte Jahr bestimmt ein Drittel meiner Strickzeit im Zug verbracht. Zählt das als Strickzeit oder Reisezeit, zählt das als Arbeitszeit? Ich habe mehr und mehr Besprechungen im Zug und selbst völlig strickunkundige Menschen verstehen, dass mein Strickzeug hilft, Entscheidungen zu verlangsamen, der Drehwurm einer Socke Zeit gibt, Dinge genauer zu diskutieren und klug zu durchdenken. Gibt sogar Leute, mit denen ich extra langsamere Züge nehme, um mehr Zeit für diese Entstehung zu haben (und weil sie sehen wollen, wie zum Teufel man einen 90°-Winkel in eine Socke kriegt).

Stricken ist dann nicht mehr wichtig als "Produktion von Objekten", sondern als Zügel, der die Richtung bestimmt. Dass am Ende dieses Weges ein Ergebnis steht, leitet zu der Versuchung, den Prozess dem Ergebnis unterzuordnen. Ich glaube, selbst die passioniertesten Projekt-Strickerinnen riskierten ein zweifelnd Aug, würde Stricken mit Effizienz in Verbindung gebracht. 

Ich jedenfalls zähle nicht, wie viel Zeit ich mit Stricken verbringe, sondern ich lasse mich von der Lebensform des Strickens beeinflussen. Und ich merke, dass mir das die Geduld gibt, auch andere Dinge beim Entstehen zu beobachten und nicht ums Verrecken schnell fertig werden zu müssen. Auch wenn ich froh war, als ich die 80 Säckchen übergeben konnte.

Kommentare:

  1. Hallo!

    Danke für diesen netten post zu dem Thema.
    Gerne möchte ich einen Kommentar hinterlassen, denn ich kann Euch Beide verstehen.
    Aaaber: ich stricke für mein Leben gerne. Mt meinen beiden Kindern 2,5J. und 6 Monate komme ich leider nicht mehr so oft und lange wie gewünscht zum Stricken. Das frustet schon öfters.
    Daher kann auch ich sagen" ich würde mir sehr gerne ein Oberteil stricken, habe aber leider nicht genügend Zeit dazu".
    So ist das eben.


    Viele Grüße,

    Ricarda

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  2. Nunja, ich sitze auch nicht grade rum und verbringe mein Leben ausschließlich strickend. Das Geniale an unsere Sport ist doch, dass sowas entsteht, wenn man nur genug Geduld hat. Solange wir nicht in der Situation sind wie unsere Vorfahren, die Klamotten stricken und nähen mussten, weil kein Geld zum Kaufen da war, ist es letztlich doch nur eine Frage der Zeit, bis was entsteht :-) Okay, und von der Fähigkeit in Deinem Fall, das Projekt weit genug wegzuhalten von den Kids, damit sie nicht ihren Experimentiertrieb an den 200 grade mühselig gestrickten Reihen ausprobieren *grins

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